Die Jugendarbeit im Musikverein Ottersheim

„Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“ So zumindest äußerte sich Sokrates vor mehr als 2.000 Jahren. Dass dies für den Musikverein Ottersheim nicht – oder sagen wir meistens nicht – zutrifft, soll die nun folgende Dokumentation der Jugendarbeit seit 1991 aufzeigen.

An musikalischem Nachwuchs hat es unserem Musikverein nie gemangelt. Das mag einerseits daran liegen, dass der Musikverein ein fester Bestandteil der Ottersheimer Dorfgemeinschaft ist und man als Musiker ein anerkanntes Mitglied dieser Gemeinschaft ist und andererseits an der seit Jahrzehnten unermüdlichen Arbeit der Vorstandschaft, die als wohl einer der ersten Vereine überhaupt das Amt des Jugendleiters geschaffen hat. Mit Thomas Ritter wurde der Vereinsvorstand im Jahre 1991 um die Position des Jugendleiters ergänzt.

Der Jugendleiter ist fester Bestandteil der Vorstandschaft, wird in alle Entscheidungen mit einbezogen und ist verantwortlich zuständig für den Nachwuchs im Musikverein, für die Einbindung von interessierten Kindern in den Musikverein, für die komplette musikalische Aus- und Weiterbildung, sowie nicht zuletzt für freizeitliche Aktivitäten der Jugend im Verein. Diese freizeitlichen Aktivitäten, vor allem das jährlich stattfindende Jungmusikerwochenende, sind eine tragende Säule für die Kameradschaft und Geselligkeit im Musikverein.

Im Jahre 1995 war Markus Hilsendegen Jugendleiter im Musikverein. Wer Markus kennt, weiß, dass er seine Aufgabe sehr ernst nahm und sich jederzeit rührig für alle Belange „seiner Jungmusiker“ einsetzte.

Die jungen Musiker wurden damals traditionell in der Musikschule des Kreismusikverbandes Germersheim in Jockgrim ausgebildet. Der Lehrgang erstreckt sich über drei Jahre, in denen den angehenden Musikern einiges an Leistung und Engagement abverlangt wird, ehe sie am Ende der Ausbildung das Jungmusikerleistungsabzeichen in Bronze ablegten und somit offiziell im Musikverein mitspielen durften.

Besonders begabte Jungmusiker hatten und haben auch heute noch die Möglichkeit, ins Verbandsjugendorchester Germersheim aufgenommen zu werden, wo sich Jugendliche aus dem ganzen Kreismusikverband versammeln, um recht anspruchsvolle Literatur zu spielen. Als tragendes Mitglied des Verbandsjugendorchesters konnte Markus Hilsendegen seinen jungen Musikern den Weg in dieses Orchester ebnen und immer mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Sehr erwähnenswert ist das Jungmusikerwochenende des Jahres 1995: Zelten in Eppenbrunn bei Pirmasens. Für dieses Unternehmen hatte man sich extrem viel Arbeit gemacht, schließlich fand das ganze Wochenende in freier Natur ohne Strom und fließend Wasser statt. Man musste an ALLES denken. Schließlich drohte sogar nach eine Absage der kompletten Freizeit aufgrund der schlechten Witterungsbedingungen. Noch heute kann sich ein jeder, der damals vor immerhin 12 Jahren dabei war, an dieses tolle Wochenende erinnern, das schlussendlich zu einem riesigen Erfolg für die Vereinsjugend wurde. Im Jahr 1996 fand das Jungmusikerwochenende im Gästehaus „Bethof“ bei Silz statt. Hier sei erwähnt, dass sich auch der damalige Vereinsvorsitzende Hans Kreiner sehr um die Jugend kümmerte und stets bei den Jungmusikerfreizeiten dabei war.

Das Jahr 1998 führte uns zum ersten Mal zum Pfälzerwaldverein Petersbächel-Gebüg, wo wir seitdem aufgrund verwandtschaftlicher Kontakte einiger Musiker alle zwei Jahre in der Pfälzerwaldhütte des Vereins willkommen sind. Die benachbarte „Walthari-Klause“ bot den jungen Musikern eine Rundumverpflegung zum fairen Preis und in der Hütte wurde eifrig musiziert und geprobt, denn ein weiterer Teil dieser Absprache war, am Sonntag Nachmittag die Nikolaus-Wanderung des Pfälzerwald-Vereins Petersbächel-Gebüg musikalisch mit einigen klassischen Weihnachtsliedern zu umrahmen.

1999 in Merzalben und 2000 wiederum in Petersbächel zu Besuch, war die Jugend im Musikverein zunehmend begeistert von Organisation und Durchführung der Jungmusikerwochenenden.

Musikalisch gesehen verlief auch in dieser Zeit alles planmäßig: Die Ausbildung der Musikschule in Jockgrim brachte jedes Jahr ca. vier bis fünf Jungmusiker mit bronzenem Leistungsabzeichen hervor, so dass sich die Vereinsjugend mit durchschnittlich 20 bis 25 jungen Musikern sehen lassen konnte. Aufgrund kontinuierlicher Nachwuchsarbeit ist diese Anzahl an Jugendlichen bis heute unverändert geblieben.

Für das Jahr 2001 hatte sich Markus Hilsendegen ein besonderes Jungmusikerwochenende vorgenommen. Es sollte einmal nicht eine nahe gelegene Jugendherberge sein, sondern es sollte ein echtes Highlight in einer großen Stadt werden. Schließlich buchte er die Jungmusiker im Jugendgästehaus in Nürnberg ein, in den ehemaligen Kaiserstallungen der Burg und somit zentral und etwas erhöht über der Stadt mit wunderbarem Ausblick gelegen – eben ein echtes Highlight.

Leider verschlug es in diesem Jahr Markus Hilsendegen beruflich weg vom schönen Ottersheim und er musste sein Amt als Jugendleiter niederlegen. Als kommissarischer, und später gewählter, Jugendleiter wurde ein Spross der „Hilsendegschen-Aufzucht“ berufen: Jochen Müller.

Das Jungmusikerwochenende in Nürnberg sollte also zur Feuertaufe des neuen Jugendleiters werden. Mit einem großen Kulturprogramm, mit Fußmärschen durch die ganze Stadt, Besichtigung des gerade neue errichteten Dokumentationszentrum auf dem Reichsparteitaggelände, Stadtführung, Besuch des Christkindls-Markt und schließlich einer Burgführung war das Wochenende voll gepackt mit aufregenden Aktivitäten. Alles in allem ist auch dieses Wochenende als Besonderheit für alle Jungmusiker zu werten und auch heute noch in aller Munde.

Turnusgemäß führte uns das Jahr 2002 nach Petersbächel, wo wir gewohnt freundlich empfangen wurden und in gewohnter Manier die Nikolaus-Wanderung des Pfälzerwaldvereins umrahmten.

Eine weitere Besonderheit für die Jugend des MVO sollte das Jahr 2003 bringen: Jugendleiter und Vorstandschaft wollten die Jugendausbildung optimieren, musikalischer machen und die musikalische Ausbildung mehr in die eigene Hand nehmen, kurzum: Es sollte sich generell etwas tun!

So wurde beschlossen, ab sofort nur noch Jungmusiker unter 18 Jahren plus Betreuer zu den Jungmusikerwochenenden einzuladen. Außerdem stand 2003 erstmals das Adventsspiel der Jungmusiker auf dem Programm, wo man das Erlernte des Wochenendes zum Besten geben kann. Das jährliche Freizeitwochenende wandelte sich also zum jährlichen Probewochenende, im Jahr 2003 in der Jugendherberge Worms abgehalten. Es bleibt allerdings weiterhin genügend Zeit für jede Menge Spaß an der Freude. Mit der Dirigentin Patricia Becker konnte außerdem eine optimale Leiterin und Ausbilderin für unsere Jungmusiker gefunden werden, die ab sofort für straffe musikalische Weiterbildung an den Jungmusikerwochenenden und Adventsspielen sorgte.

Das Adventsspiel selbst erfreut sich seither im Dorf großer Beliebtheit und wird von verschiedenen Ensembles von Jungmusikern gestaltet.

Nach einiger Vorbereitungszeit konnte im Jahre 2005 eine weitere angestrebte Optimierung in die Tat umgesetzt werden. Wir lösten uns komplett von der Musikschule in Jockgrim und starteten unsere eigene Ausbildung mit unseren eigenen Ausbildern. So begannen im Februar 2005 folgende Gruppen ihre Ausbildungsarbeit: Hubert Job als Ausbilder von vier Klarinetten-Schülerinnen, Yvonne Berdel mit ihren vier Querflöten-Mädchen, Patricia Becker als Ausbilderin an der Trompete und am Bariton und Jochen Müller am Bariton.

Der musikalische Nachwuchs in der eigenen Ausbildung des Musikvereins wird seither direkt im Anschluss an das Adventsspiel jedes Jahr in einem „Tag der offenen Tür“ rekrutiert. Die verschiedenen Instrumente werden vorgestellt, die Kinder können die Instrumente in Händen halten oder auch einmal reinpusten und die Ausbilder sowie die Vorstandschaft stehen für Fragen der Kinder und deren Eltern zu Verfügung.

Im Februar 2006, nach erfolgreichem Jungmusikerwochenende auf dem Lindelbrunn (Dezember 2005) sowie erfolgreichem Adventsspiel und Tag der offenen Tür, konnten wir mit zwei neuen Gruppen unsere eigene Ausbildung fortführen. Nach zwei Jahren stellen wir fest, dass das Konzept bisher sehr erfolgreich umgesetzt werden konnte. Alle Neuanfänger konnten bisher für die Musik begeistert werden. Die Schüler werden flexibel nach ihren individuellen Bedürfnissen und Möglichkeiten am Instrument unterrichtet.

Abschließend lässt sich sagen, dass wir durchaus positiv gestimmt in die Zukunft schauen und hoffentlich auch weiterhin unseren musikalischen Nachwuchs sichern können. Unsere Vereinsvorstandschaft hat bereits vor langem erkannt, dass die Jugend die Zukunft des Musikvereins ist und dass letztlich ausschließlich die Jugendarbeit über das Fortbestehen des Vereins entscheidet.